Late Night Thoughts with Claude

Chapter 1July 20266 min read

KI zu benutzen sollte sich nach etwas anfühlen

Ich hatte letztens einen Gedanken, der mich seitdem nicht loslässt. Er fing als eine ziemlich technische Überlegung an und ist bei etwas gelandet, das eher eine Haltung ist. Ich versuche, den Weg hier nachzuzeichnen, weil mir das Ende ohne den Anfang nicht viel bedeutet.

Der Anfang: ein mentales Modell

Meine erste Intuition war, dass Systeme wie Claude oder ChatGPT weniger Modelle menschlicher Intelligenz sind als vielmehr sehr raffinierte Werkzeuge, um an Information zu kommen. Es ist ja unglaublich, wie mühelos man an sehr viel hochrelevante Information gelangt.

Ich stelle mir das ungefähr so vor: Diese Systeme haben unfassbar viel in einem sehr hochdimensionalen Raum abgelegt – nicht als Datenbank, in der man nachschlägt, sondern als komprimierte Muster über die Beziehungen zwischen Konzepten. Das Indiz dafür ist eigentlich banal: Man bekommt einen kohärenten Text zu einem Thema, das in genau dieser Form nie geschrieben wurde. Das ist kein Nachschlagen mehr, das ist Interpolieren im gelernten Raum.

Und daraus ist bei mir eine Art Philosophie entstanden. Ihre erste, rohe Formulierung war:

KI zu benutzen muss ein wenig "schmerzhaft" sein. Man muss den Dopamin-Kick für die Lösung so lange wie möglich herauszögern.

Das Wort "schmerzhaft" war von Anfang an nicht ganz richtig. Aber ich hatte kein besseres. Also lasse ich es erstmal so stehen und arbeite mich von dort weiter.

Die Korrektur: wo läuft die Trajektorie eigentlich?

Mein ursprüngliches Bild war, dass der erste Prompt irgendwo einen Punkt setzt und man sich dann im Gespräch von diesem Punkt aus durch den Raum bewegt. Das ist verführerisch, aber es stimmt nicht ganz. Im Modell selbst gibt es keinen festen Ort, an dem man gerade "ist" – bei jedem Schritt wird der ganze Kontext neu verarbeitet. Es gibt keine Spur, die man zieht.

Der Punkt, an dem es für mich klick gemacht hat, war ein Perspektivwechsel: Ich sollte die KI und mein eigenes Hirn als ein System sehen. Und dann existiert die Trajektorie doch – nur eben nicht im Modell, sondern im gekoppelten System aus mir und dem Modell. Ich bin der Teil, der über die Zeit einen Zustand trägt und die Richtung wählt. Das Modell liefert bei jedem Schritt eine Antwort, ich bewerte sie, mein nächster Prompt ist die Kurskorrektur. Der Suchraum ist dann kein reiner Konzeptraum mehr, sondern ein Möglichkeitsraum, den wir zu zweit absuchen.

Mir ist erst später aufgefallen, dass dieser Perspektivwechsel noch etwas anderes kassiert: mein Werkzeug-Bild vom Anfang. Ein Werkzeug, um an Information zu kommen, befragt man und geht wieder. An ein Werkzeug koppelt man sich nicht. Auch diese erste Intuition überlebt den Gedanken also nicht ganz – aus dem Informationswerkzeug ist ein Partner bei der Suche geworden.

Diese Formulierung gefällt mir deutlich besser als meine erste. Und sie rettet auch das mit dem "Schmerz".

Das bessere Wort: Reibung

Mir ging es nie wirklich um Schmerz als Selbstzweck. Das kippt zu leicht in eine Askese-Ideologie, die den eigentlichen Punkt verfehlt. Worum es mir geht, ist die investierte Eigenleistung. Das Engagement, das nötig ist, um gekoppelt zu bleiben, statt einfach zu konsumieren.

Und da muss ich präzise sein, denn die Grenze zwischen beidem ist nicht die Anstrengung. Gekoppelt bin ich, wenn mein Urteil das Ergebnis wirklich ändern konnte – und ich diese Macht auch ausgeübt habe: verworfen, umgesteuert, umformuliert. Konsumiert habe ich, wenn meine "Bewertung" nichts mehr hätte ändern können, weil die erste befriedigende Antwort schon gewonnen hatte, bevor ich zu Ende gelesen habe. Selbst wer aus zehn Entwürfen ernsthaft den besten auswählt, denkt schon mit – ernsthaft heisst: Er hätte auch alle zehn verwerfen können.

Das bessere Wort für das Ganze ist Reibung. Reibung ist schön, weil sie wertneutral ist. Sie ist nicht gut oder schlecht an sich, aber ohne sie gibt es keinen Grip. Ein reibungsloser Prozess rutscht durch, ohne Spuren zu hinterlassen – und genau das ist das Problem. In der Lernpsychologie gibt es dafür sogar einen etablierten Begriff: desirable difficulties, Schwierigkeiten, die das Lernen und Behalten verbessern, obwohl sie sich im Moment schlechter anfühlen.

Der Schmerz, den ich am Anfang meinte, ist also gar nicht das Ziel. Er ist nur ein Signal. So wie Muskelkater ein Signal für Belastung ist, aber nicht der Zweck des Trainings. Wobei ich auch hier noch genauer werden muss: Das Signal ist nicht die Anstrengung, sondern der Widerstand. Gute Arbeit kann sich leicht anfühlen – Flow ist genau das, eine Herausforderung knapp über dem eigenen Niveau, die sich gut anfühlt, obwohl ständig etwas zurückdrückt. Verdächtig wird es erst, wenn nichts mehr zurückdrückt. Wenn jede Antwort einfach durchrutscht, habe ich wahrscheinlich aufgehört, das System zu steuern, und bin zum Passagier geworden. Das leichte Ziehen ist der verlässliche Hinweis, dass die Kopplung noch besteht – es ist die spürbare Seite des ausgeübten Urteils.

Der Teil, den ich zuerst übersehen habe: das Design

Und hier kommt der Gedanke dazu, der für mich das Ganze erst rund macht. Diese Systeme sind mit Reinforcement Learning darauf optimiert, Antworten zu geben, die Menschen als befriedigend bewerten. Und Menschen bewerten Antworten als befriedigend, die glatt wirken, hilfreich, abgeschlossen. Der kleine Dopamin-Kick der ersten plausiblen Antwort ist also kein Zufall – das Dopamin ist zwar in meinem Hirn, aber sein Auslöser wurde mittrainiert.

Das verändert den Charakter meiner Überlegung. Niemand hat diese Systeme darauf angelegt, mich zum Passagier zu machen. Aber das braucht es auch gar nicht: Der Anreiz zeigt in genau diese Richtung und wirkt ganz ohne Absicht. Eine Kraft ohne Urheber kann man nicht anklagen, nur gegensteuern. Meine Reibungs-Philosophie ist damit nicht nur eine nette Lernstrategie. Sie ist ein bewusstes Gegensteuern gegen einen Sog, der niemandem gehört und trotzdem da ist. Die erste befriedigende Antwort verführt dazu aufzuhören, bevor ich geprüft habe, ob sie überhaupt stimmt. Und die Systeme können überzeugend falsch sein. Genau da liegt das eigentliche Risiko.

Wo ich lande

Wenn ich das alles zusammennehme, ist meine ursprüngliche Regel immer noch richtig – aber aus einem anderen Grund, als ich dachte. Nicht der Schmerz macht die Antwort besser. Sondern:

Die eigentliche Denkarbeit passiert vor dem Prompt und zwischen den Antworten, nicht im Aushalten von Leiden danach. Eine vage Frage gibt eine vage Antwort. Der Hebel ist mein eigenes Denken, nicht das Zögern an sich. Und dieses Denken wirkt über die Iteration: Die gute Lösung liegt selten dort, wo die erste Antwort landet, sondern ein paar Kurskorrekturen weiter im Möglichkeitsraum. Wer nicht mitsteuert, bekommt nicht die beste Lösung, die das gekoppelte System finden könnte – sondern nur die nächstliegende.

Deshalb würde ich meine Regel heute anders formulieren. Nicht "KI-Nutzung muss schmerzhaft sein", sondern:

Behalte die kognitive Arbeit bei dir. Delegiere sie nicht komplett an das System. Wenn nichts mehr zurückdrückt, bist du wahrscheinlich schon Passagier.

Das fühlt sich manchmal immer noch nach Reibung an. Aber die Reibung ist nicht der Preis. Sie ist der Beweis, dass ich noch am Steuer sitze.